Survival of the Fittest: Der Stärkste überlebt
Die Rolle der Ernährung im Kampf um unsere Zukunft
Dieser Beitrag ist die schriftliche Fassung eines Vortrags aus Anlass der Verleihung des Health and Environment & Indoor Environment Quality-Award 2026 am 8. Mai 2026 in Luxemburg.
Von Hans-Ulrich Grimm
Ich stand an der Ampel, hörte Autoradio. Es kam etwas über Energydrinks. Aber es war keine Werbung, sondern eher eine Warnung, vor Red Bull, Monster & Co..
Es war übrigens kein deutscher Sender, sondern ein amerikanischer, und zwar der für Soldaten, American Forces Network (AFN). Und ich war natürlich überrascht, dass sich die Militärstrategen der mächtigsten Weltmacht um so etwas wie die Risiken und Nebenwirkungen von Red Bull kümmern.
Ich habe dann zuhause im Internet nachgesehen. Und tatsächlich: Die US-Army informiert ihre Leute da ausführlich über die süßen Drinks. Mögliche Folgen. Kopfschmerzen, Herzklopfen, Zittern, Taubheitsgefühle.
Ist eigentlich auch klar, dass so etwas die Kampfkraft schwächt.
Alles bei Energydrinks nachgewiesen. Sogar plötzliche Todesfälle, auf der Tanzfläche, bisher jedenfalls.
Falsche Ernährung gefährdet die Kampfkraft
Falsche Ernährung gefährdet die Kampfkraft. Verständlich, dass Kriegsstrategen auch an so etwas denken.
Und da geht es nicht nur Energydrinks. Auch um Fastfood, Snacks, Tiefkühlpizza. Das Körpergewicht. Auch die psychische Stärke. „Food and Mood“.
All das kann Folgen haben, für die Armee, im Krieg, aber auch für die Gesellschaft als Ganzes, in den Kämpfen um die Zukunft und um unsere Position auf diesem Planeten.
Wir haben heute den 8. Mai. Heute vor 81 Jahren endete der Zweite Weltkrieg mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands.
Lange hatten wir geglaubt, Kriege liegen weit hinter uns. Heute merken wir: Es gibt sie noch. Sogar ganz in unserer Nähe.
Die Welt ist in Unordnung geraten. Weltmächte sind im Wettstreit. Die Regionen rivalisieren um ihre Positionen im Machtgefüge auf diesem Planeten. Militärisch, wirtschaftlich, politisch.
Ein Kampf der Ernährungssysteme
Ein Kampf der Systeme – und auch der Ernährungssysteme.
In der New York Times hatte ich zum ersten Mal vom Krieg ums Essen gelesen. Über die Schlachten zwischen dem industriellen Versorgungssystem und dem traditionellen.
Echtes Essen versus Industrie und Chemie.
Mittlerweile wird immer klarer: Im Kampf um die neue Weltordnung, im Wettbewerb der Systeme, politisch und wirtschaftlich, spielt auch das Ernährungssystem eine tragende – und bei uns bisher vollkommen übersehene - Rolle.
Survival of the fittest: Die alte Regel gilt immer noch. Der Stärkste überlebt. Die Evolution ist da unbarmherzig.
Eine kranke Gesellschaft hat keine Zukunft.
Eine kranke Gesellschaft hat keine Zukunft.
Und wir sind ziemlich krank. Wir haben es nur noch nicht richtig realisiert.
Offenbar wurde es während der Corona-Zeit, als vor allem die „Chronisch Kranken“ betroffen sind – und ich jedenfalls schockiert war, wie viele es davon gibt.
In der Schweiz sind fast 40 Prozent chronisch krank, in Deutschland mehr als die Hälfte der Menschen, sogar zwei Drittel in Österreich.
«Chronische Krankheiten machen 83 Prozent der Krankheitslast in Luxemburg aus», schreibt die Nationale Beobachtungsstelle für Gesundheit (ObSanté).
In den USA soll es noch schlimmer sein.
Die teuren Folgen für uns alle
Chronische Krankheiten, dazu gehören etwa Krebs, Herzleiden, Depressionen, Demenz. Die “Zuckerkrankheit” Diabetes.
Bisher wurden sie eher als Schicksalsschläge betrachtet. Es ging um das persönliche Leid, um familiäre Tragödien.
Aber natürlich geht es auch ums Geld, um die Abzüge vom Lohn oder Gehalt. Um die Wirtschaft als Ganzes – und die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft und ihre Position in der Welt.
Mittlerweile beschäftigen sich auch Wirtschaftskreise mit Themen wie dem Zuckerkonsum. Firmen wie McKinsey oder Morgan Stanley. Institutionen wie die Weltbank oder die OECD, die Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit.
Schließlich hat es Folgen, wenn sich die Leute krank essen.
Rollstuhlparkplätze im Vergnügungspark
Ich war schwer erschüttert, als ich im Disneyland im kalifornischen Anaheim die vielen Parkplätze für Rollstühle gesehen habe vor den Attraktionen, den Wasserrutschen und Achterbahnen.
Viele Besucher waren beinamputiert, auch eine Folge der “Zuckerkrankheit”, andere einfach zu dick, um sich allein im aufrechten Gang fortzubewegen. Sie brauchten Helfer, um sich im Rollstuhl durch den Vergnügungspark schieben zu lassen.
Ich überlegte, wie das wohl weitergeht. Wenn irgendwann, im Extremfall, die eine Hälfte der Gesellschaft im Rollstuhl sitzt und die andere Hälfte sie schiebt.
Dann bleibt wenig Kapazität für andere Aktivitäten, für produktive Wirtschaftssegmente, den Anbau von Nahrungsmitteln, Automobilbau, Herstellung von Computern, Erzeugung von Energie.
Immer mehr Menschen sind in der Branche tätig, die etwas verharmlosend „Gesundheitswesen“ genannt wird. In Wahrheit ist es eine Krankheitsindustrie.
Immer mehr Beschäftigte melden sich krank. Viele müssen vorzeitig in Rente.
Und wir alle müssen dafür aufkommen. Mehr arbeiten. Mehr bezahlen.
Und es wird immer teurer. In vielen armen Ländern droht schon der Kollaps des Sozialsystems. Auch wir sind nicht mehr weit davon entfernt (Grafik: ChatGPT für DR. WATSON).
Die Hauptursache: Schlechte Ernährung. Insbesondere die sogenannte „Westliche Ernährung“. Da ist sich die medizinische Forschung in der Diagnose weithin einig.
Vor allem: die „ultra-verarbeitete“ Nahrung. Fastfood, Fertignahrung, Softdrinks, „Frucht“-Joghurt, Tiefkühlpizza, Cornflakes, Müsli aus dem Pappkarton, Babygläschen.
Auch die beliebten industriellen Veganprodukte gehören übrigens dazu, von der Hafermilch bis zum tierfreien Schnitzel.
In der Medizin gelten diese „ultra-verarbeiteten“ Produkte als „stille Killer“. Die Verbraucher in den USA fürchten sie schon als Gesundheitsrisiko Nummer 1.
Bei insgesamt 32 verschiedenen Gesundheitsstörungen fanden Mediziner Verbindungen mit dem Konsum dieser Erzeugnisse.
Doch es gibt auch die andere Seite, jenseits der Frontlinie im „Krieg ums Essen“: die traditionelle Ernährung, namentlich die mediterrane Ernährung. Sie gilt in der Medizin als Königsweg gilt für ein langes, gesundes und glückliches Leben.
Echte Lebensmittel. Äpfel, Blumenkohl, Tomaten, Paprika, Hähnchen, Steak. Erdbeeren und Spargel.
Menschheit am Scheideweg
Die Menschheit steht sozusagen am Scheideweg. Und muss sich entscheiden, in welche Richtung sie sich in Zukunft entwickeln will.
Es gibt nur eine Option, sagte mir einmal der Sprecher des weltgrößten Nahrungskonzerns Nestlé in Vevey am Genfer See.
In der Zukunft, vor allem in den großen Megacities, könnten die Menschen nur noch mit Nestlé-Methoden ernährt werden: lange haltbaren, leicht transportierbaren, gut verpackten Produkten. Schon aus logistischen Gründen.
Vielleicht haben sie sogar recht, dachte ich mir, und bin nach China gefahren. Vor fast 20 Jahren.
Vielleicht hat Nestlé recht?
Ich wollte das überprüfen. Vielleicht geht es in Zukunft wirklich nicht anders. Ich wollte sehen, wie die Versorgung funktioniert, in den Megacities dort.
Ich ließ mir also Termine organisieren. Zum Beispiel mit dem Direktor des größten Großmarktes in Peking. Und so stand ich mit ihm auf dem Dach eines Gebäudes am Eingang, wir blickten über sein Riesengelände.
Über einen Kilometer lang, 800 Meter breit. Unablässig kamen Lastwagen durch das Tor, brachten Blumenkohl, Paprika, Melonen, um die 20-Millionen-Stadt zu versorgen. 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr (Foto: DR. WATSON).
Ich fragte ihn, wie viele Bauern seinen Markt eigentlich beliefern. Da dachte er kurz nach, rechnete im Kopf, und sagte dann: 100 Millionen.
Ich sagte dann, entschuldigen Sie bitte, dass ich kurz lachen musste: unser kleines Land hat nur 80 Millionen Einwohner.
100 Millionen Bauern beliefern einen Großmarkt
Damals gab es in China 125 Millionenstädte. Jetzt sind es über 300. Es gibt jetzt auch Schweinefabriken, sogar Hochhäuser für Massentierhaltung. Es gibt Supermärkte überall.
Aber: Echtes Essen gibt es nach wie vor. Auch die riesigen Großmärkte.
Letztes Jahr waren wir in Shanghai. Auf dem Zentralen Großmarkt der Stadt mit knapp 30 Millionen Einwohnern. Insgesamt 1,27 Millionen Tonnen Lebensmittel werden hier jährlich umgesetzt. 40 Prozent von allem Obst, das sie in Shanghai verspeisen. 320.000 Tonnen im Jahr. Und 365.000 Tonnen Gemüse, aus 28 chinesischen Provinzen. Plus 1,5 Millionen Schweine, die sogar per QR-Code rückverfolgbar sein sollen bis in den Stall (mehr dazu hier).
So geht Echtes Essen im 21 Jahrhundert. Hightech-gestützt. Mit strategischem Weitblick geplant.
Das Reich der Mitte scheint also gut gerüstet im Krieg ums Essen. Auch für die Schlachten um die Spitzenpositionen im globalen Ranking.
Anders sieht es beim wichtigsten Konkurrenten aus: den Vereinigten Staaten von Amerika.
„Amerika ist krank“, diagnostiziert dort sogar die Regierung. 75 Prozent der Amerikaner leiden an chronischen Krankheiten, sie verursachen 90 Prozent der Kosten.
Wichtigste Ursache: Ungesundes Essen. Fastfood. Softdrinks.
Amerika hat jetzt den Kampf aufgenommen. Es ist sozusagen ein Akt der Notwehr. In der Politik herrscht da Entschlossenheit, über die Parteigrenzen hinweg.
Kampf für Echtes Essen
Die Regierung startete eine Kampagne für “Echtes Essen”. Sie hat neue Ernährungsrichtlinien erlassen.
Zugleich zielt die Kampagne aber auch gegen die Produkte, die Amerika krank gemacht haben. Fertiggerichte, Snacks, kurz: die „ultra-verarbeitete Nahrung“.
Der Gesundheitsminister klärt persönlich auf über Risiken und Nebenwirkungen.
Die Stadtregierung in der ehemaligen Hippiehochburg San Francisco geht sogar noch einen Schritt weiter. Sie hat einen Prozess angestrengt beim Superior Court des Staates Kalifornien.
Angeklagt: Coca-Cola, Nestlé und Konsorten
Es geht gegen Firmen mit klangvollen Namen: die Softdrink-Giganten Coca-Cola und Pepsi. Die Ketchup-Company KraftHeinz. Den Süßzeug-Konzern Mondelez International mit den berühmten Marken Milka, Oreo, Toblerone. Den Doppelkonzern Mars, der Nahrung für Menschen und ihre Haustiere herstellt wie M&M’S, Ben’s, Whiskas. Unter den Angeklagten ist sogar der weltgrößte Nahrungskonzern Nestlé.
Gefordert wird Schadensersatz in noch nicht festgelegter Höhe. Wegen der Kosten für Gesundheitschäden durch deren Produkte.
Tja, nun kommen wir zum Schluss und der großen Frage: Was wird aus Europa? Sind wir fit für einen der vorderen Plätze in der Welt, oder reif für die große Rollstuhl-Rallye?
Und was wird aus Europa?
Die Europäische Union hat das Thema natürlich auch auf der Agenda. Sie gibt Unsummen für Programme und Projekte aus.
Aktuell mit der Initiative „Gesunde Ernährung, gesundes Leben“ (Healthy Diet, Healthy Life, kurz HDHL).
„Echtes Essen“ wird da allerdings nirgends propagiert. Und die „ultra-verarbeitete Nahrung“, also Fastfood, Fertigessen, Softdrinks, wird auch nicht bekämpft.
Ganz im Gegenteil: Genau die Firmen, die in den USA als Krankmacher verfolgt und geächtet werden, werden in der Europäischen Union geachtet und für Gesundheitsprojekte verpflichtet.
Etwa der „Europäische Rat für Ernährungsinformationen“ (European Food Information Council, kurz Eufic). Klingt schwer amtlich. Ist aber eine Tarnbezeichnung. Für die üblichen Verdächtigen aus der Sphäre des Ungesunden.
Slogan: „Zuverlässige Informationen für gesunde Entscheidungen“. Kein Witz.
Und diese Tarnorganisation von Nestlé, Coca-Cola & Co ist also „Kommunikationspartner“ der Europäischen Union bei Projekten wie „CLEVERFOOD“ oder „FoodSafety4EU“.
Also: Bei der Herkulesaufgabe, den Sumpf aus ungesunder Nahrung auszutrocknen, arbeitet die Europäische Union ganz gezielt mit den Fröschen zusammen – und füttert sie sogar noch, und zwar auf unsere Kosten.
Survival of the Fittest: Ob wir es auf diese Tour in eine Spitzengruppe schaffen, ist eher fraglich.
Es bleibt noch einiges zu tun. Für Sie als Organisation, hier im Zentrum des Europäischen Geschehens.
Aber auch für mich.
Ich will auf jeden Fall dranbleiben und bedanke mich für die Anerkennung, die Unterstützung und Ihren Preis.
Vielen Dank!
Mehr über den Kampf ums Dasein, die besten Strategien - und wie wir den Ernährungsfallen entkommen:
Hans-Ulrich Grimm: Die Suppe lügt. Der große Ernährungsbetrug – und wie wir uns schützen.






Danke für den spannenden Artikel und die Analyse. Der Text beleuchtet die gesundheitlichen Risiken industrieller Ernährung gut. Ergänzend zum Politik‑Aspekt möchte ich folgende Frage stellen: Wenn der Markt die Probleme nicht löst und schon minimale staatliche Schritte zur Aufklärung oder Werbebeschränkung (etwa der Vorstoß des letzten Verbraucherschutzministers für ein Werbeverbot für Süßigkeiten gegenüber Kindern) durch massive Lobby‑ und Medienkampagnen torpediert werden, wie sollen dann tiefgreifende Systemänderungen gelingen? Das ist meiner Meinung nach die zentrale Frage.
Danke für den spannenden Artikel ! Ich bin mittlerweile immer wieder fassungslos, wenn ich durch den Supermarkt schlendere. Ich würde schätzen, dass man 80-90% der Lebensmittel dort meiden sollte, wenn man sich gesund ernähren möchte. Doch wie soll das in den Köpfen der Menschen ankommen, wenn die stark verarbeiteten Lebensmittel so präsent sind und damit so normalisiert werden?