Donald Trump, die Kinder und ich
Wer befreit unsere Kleinen aus den Fängen von McDonald’s & Co?
Ausgerechnet Donald Trump, der Fastfood-Freund, will jetzt die Kinder vor McDonald’s & Co retten?
Ich bin nicht der Einzige, der überrascht ist. Doch erstaunlicherweise reagieren selbst Kritiker, Medien und Experten mit einer gewissen Sympathie auf das, was da aus dem Weißen Haus kommt.
Es ist auch ein großes Thema, das niemanden kalt lassen kann.
Es geht um unsere Kinder, ihre Krankheiten und die Frage, was der Gesundheitszustand des Nachwuchses für die Zukunft des Landes bedeutet, den künftigen Wohlstand, sogar die Verteidigungsfähigkeit.
Gerade kam ein alarmierender Report heraus, im Rahmen des radikalen Gesundheitsförderungsprojekts der neuen US-Regierung („Make Amerika Healthy Again“). Eine Lagebeschreibung zur Situation der Kinder im Land, gipfelnd in der Erkenntnis, so die New York Times vorige Woche, dass die Ernährung amerikanischer Kinder zu einer Verschlechterung ihrer Gesundheit führt.
Eine überraschend klarsichtige Diagnose. Besonders im Visier: Industrienahrung und ihre Auswirkungen auf die Kleinen und ihre Zukunft.
Und das ausgerechnet aus Amerika, der Heimat von Coca-Cola, McDonald’s, Kellogg’s & Co.. Sogar von höchster Stelle, der amtierenden Regierung, in einem Report, unter dem sein Name steht, natürlich in Großbuchstaben:
DONALD J. TRUMP, PRESIDENT OF THE UNITED STATES.
Fragt sich natürlich: Wie ist das jetzt bei uns? Kommt hier ebenfalls Bewegung auf?
Denn auch hier dominiert das Ungesunde.
Natürlich sind die Probleme auch bei uns bekannt. Seit langem. Und auch an höchster Stelle.
Gesunde Ernährung? Geht doch gar nicht!
Mir war das seit einem Telefonat mit einem deutschen Regierungsforscher klar geworden, vor vielen Jahren schon, ich war damals Redakteur beim Spiegel. Es ging um gesunde Ernährung. Doch als ich das sagte, da lachte er laut auf. Gesunde Ernährung? Das geht doch gar nicht!
Und ich so: wie bitte, es kann doch jeder einen Apfel kaufen? Der Professor lachte mich fast aus. Ich solle mir doch mal einen Supermarkt anschauen. Wie viel Gesundes es da gibt, und wie groß die Abteilung fürs Ungesunde sei. Die gesunden Lebensmittel reichten ja gar nicht für alle!
Ob ich ihn da zitieren dürfe, fragte ich den berühmten Professor aus der Regierungsforschungsanstalt. Aber das wollte er dann doch nicht.
Dass es in einem reichen Land nicht genügend Gesundes zu essen gibt für alle: Das war für mich natürlich ein Riesenskandal. Bisher hat das niemanden groß interessiert.
Macht die Kinder wieder gesund!
Jetzt endlich soll das Problem in Angriff genommen werden. Ausgerechnet in Amerika. Noch dazu von einem Präsidenten, der als ausgewiesener Freund dieser Problemnahrung gilt.
Binnen 180 Tagen, so seine Order, sei ihm eine Strategie vorzulegen, eine „Make Our Children Healthy Again Strategy“, basierend auf den Erkenntnissen aus diesem Bericht.
180 Tage, das ist ein knappes halbes Jahr. Es eilt also.
Der Report sei ein „Aufruf zum Handeln“: Schließlich seien die Kinder von heute die Arbeitskräfte und auch die Führungskräfte von morgen: „Wir können es uns nicht länger leisten, diese Krise zu ignorieren.“
Die Regierung verspricht, die Krise der chronischen Krankheiten im Kindesalter umzukehren, sich dabei mit den Ursachen auseinandersetzen – nicht nur den Symptomen.
Nie waren sie so krank wie heute
Der Report beginnt mit einer düsteren Diagnose: „Die Kinder von heute sind die kränkste Generation in der amerikanischen Geschichte“.
Die Entwicklung verschlimmere sich von Jahr zu Jahr – und bilde eine wachsende Bedrohung für die Gesundheit, die Wirtschaft und sogar die Militärmacht der Nation.
Im Zentrum stehen dabei die Nahrungsmittel, mit denen die Kinder (nicht nur) in den USA aufwachsen. Denn die amerikanische Ernährung habe sich “dramatisch in Richtung ultra-verarbeiteter Lebensmittel verlagert“.
Fast 70 Prozent der von Kindern aufgenommenen Kalorien stammten heute aus solchen Produkten, was zu Nährstoffmangel, erhöhter Kalorienaufnahme und zu viel schädlichen Zusatzstoffen führe – und schließlich „zu Fettleibigkeit, Diabetes und anderen chronischen Erkrankungen.“
Die New York Times erläuterte, für alle, die es noch nicht wissen: „Diese industriell hergestellten Nahrungsmittel und Getränke wie Limonaden, Chicken Nuggets, Instantsuppen und abgepackte Snacks werden mit einem höheren Risiko für Fettleibigkeit, Typ-2-Diabetes, Herzerkrankungen und andere Leiden in Verbindung gebracht.“
Die ungesunde Kinderecke
Bei uns das das nicht viel anders. Wer die Ecken im Drogeriemarkt aufsucht, in denen die Eltern mit Buggy und Kinderwagen sich versorgen, sieht: 100 Prozent ultraverarbeitete Produkte. Im Supermarkt: Fruchtzwerge. Milchschnitten. Müllers Milchmixturen. In der Kita: Mittagessen aus der Kochfabrik von Apetito.
Die Folgen sind jetzt, seit dem US-Bericht, sozusagen regierungsamtlich festgestellt.
Die wissenschaftliche Beweislage ist erdrückend: Bei sage und schreibe 32 Krankheiten sollen diese Produkte eine Rolle spielen.
Ich bin diesen Zusammenhängen ja schon seit langem auf der Spur. Zu Beginn als einer, der als „Ein-Mann-Unternehmen gegen die Lebensmittelindustrie zu Felde zieht“, wie die Zeit einmal schrieb, mit deutlich missbilligendem Unterton.
Mittlerweile sind es mehr geworden, auch ist die Forschung weiter, und so schrieb mir kürzlich eine öffentlich-rechtliche Kollegin: „Du ahntest das, was die Wissenschaft mit lang angelegten Beobachtungsstudien, epidemiologischen Studien und teilweise auch Interventionsstudien inzwischen zweifelsfrei belegt hat, schon vor 30 Jahren“.
Der große Moment - im Alter von 88 Jahren
Plötzlich sind wir viele geworden: Eine ungewohnte Erfahrung auch für Marion Nestle, die mittlerweile emeritierte New Yorker Professorin für Ernährung, Lebensmittelwissenschaften und öffentliche Gesundheit. Sie ist seit 50 Jahren dran und auch mit 88 Jahren noch rastlos unterwegs für die Aufklärung. Dann kam der neue Gesundheitsminister Robert F. Kennedy jr.. Und sie hatte ihren „großen Moment“, wie die New York Times jüngst schrieb.
„Er klingt genau wie ich, wenn er spricht“, sagte die Professorin, die sich selbst als „überzeugt links“ bezeichnet, in einer kleinen Runde von Interessierten bei einem Dinner, und erntete Gelächter: „Wie ist das möglich?“
Sie ist nicht mit allem einverstanden, was er sagt, aber die Richtung stimmt, meint sie, und verweist auf andere hochrangige Weggefährten, die ähnlicher Ansicht sind. Und offenbar ähnlich überrascht, in welcher Gesellschaft sie sich plötzlich befinden im Kampf gegen Nahrung, die krank macht.
Der neue Regierungsreport, sagte sie, leiste „phänomenale Arbeit“, indem er beschreibe, wie hochverarbeitete Lebensmittel der Gesundheit von Kindern schaden.
Endlich: Klar zur Ernährungswende
Bisher wurden die wissenschaftlichen Erkenntnisse weitgehend ignoriert, das politische Establishment übte sich in Kumpanei mit den Konzernen, den Produzenten des Ungesunden, in den nationalen Behörden, der Europäischen Union, auf globaler Ebene. Die tonangebenden Medien drückten die Augen fest zu. Kritik kam nicht auf. Zusammenhänge wurden gezielt ignoriert.
Jetzt tönt es plötzlich ganz anders, von jenseits des Großen Teiches.
„Es ist die Epidemie der chronischen Krankheiten, die unsere Bevölkerung krank macht und unser Gesundheitssystem in den Ruin treibt“, sagte US-Gesundheitsminister Kennedy in einem Videostatement, in dem er den Austritt der USA aus der Weltgesundheitsorganisation (WHO) begründet (deutsch hier).
Die USA verlagerten ihre Prioritäten jetzt auf jene chronischen Krankheiten, die aktuell die Bevölkerung besonders bedrohten – und vollziehen damit eine Wende, die auch bei uns längst überfällig wäre.
Bei uns gilt Ungesundes amtlich als “sicher”
Denn bei uns gelten die vom US-Gesundheitsminister angeprangerten Supermarktprodukte immer noch als absolut „sicher“ und unbedenklich – auch wenn immer neue Studien zeigen, wie viele vorzeitige Todesfälle beispielsweise aufs Konto von Softdrinks gehen.
Ich hatte mich darüber immer gewundert, und musste mich dann von Regierungsvertretern belehren lassen über den immer noch gültigen, aber völlig veralteten Begriff von „Lebensmittelsicherheit“ in der Europäischen Union: Da geht es ausschließlich um klassische Krankheitserreger, Viren, Bakterien, Schadstoffe. Und nicht um die tatsächlichen Gesundheitsschädlinge des 21. Jahrhunderte. Zu viel Zucker, Salz, Chemie, industrielle Nahrung. Davor muss sich jeder selbst schützen. Das gilt in der Europäischen Union als Privatsache (mehr dazu hier).
Der neue US-Gesundheitsminister will auch diese Gefahren bekämpfen, dafür „das gesamte System neu aufstellen“, und dafür die „Prioritäten der Gesundheitsbehörden“ neu ausrichten.
Aufbruch in eine neue Ära: Wer macht mit?
Er wünsche sich „eine ähnliche Neuordnung der Prioritäten auf der globalen Bühne“ und lädt dafür die „Kollegen Gesundheitsminister in aller Welt zu einer neuen Ära der Zusammenarbeit“ ein – ganz gleich, ob es sich um Infektionskrankheiten handle oder die „allgegenwärtige Fäulnis chronischer Krankheiten“, die nicht nur Amerika, sondern die ganze Welt befallen hat.
Es wäre natürlich eine Leistung von historischem Ausmaß, wenn ausgerechnet aus den Vereinigten Staaten der Anstoß zu einer weltweiten Wende käme – dazu von einem Präsidenten, der eher als Fastfood-Freund gilt.
Wobei das Foto, das um die Welt ging und ihn, den Gesundheitsminister und weitere Regierungskollegen hamburgermampfend im Flugzeug zeigt (Screenshot: X), eine Schöpfung künstlicher Intelligenz sein soll.
Vielleicht isst er also in Wahrheit ganz anders, es weiß es nur keiner. Ich würde es ihm jedenfalls wünschen, wie uns allen. Die Rezepte haben wir hier.



Möge auch dieser Trend rasch zu uns rüberschwappen. Und die „Vorliebe“ von Trump mag auch ganz pragmatische Gründe haben.