Die Coca-Kolonisierung Europas
Wie die Europäische Union ungesunde Nahrung fördert – und wir sogar noch dafür bezahlen müssen
Von Hans-Ulrich Grimm
Wenn es in Europa um gesunde Ernährung geht, ist Coca-Cola natürlich ganz vorne mit dabei.
Nicht als Feind, sondern als Mitstreiter.
Kein Witz.
Es ist auch kein Versehen. Kein einmaliger Ausrutscher. Kein skandalöser Verstoß gegen Vorschriften oder Regeln.
Es ist die Regel. Und genau das ist der Skandal.
Je drängender die Probleme werden, je teurer die Krankheiten, je deutlicher die medizinische Forschung die Ursachen nennt, die artwidrige Nahrung aus den Fabriken von Big Food - desto enger arbeitet die Europäische Union ausgerechnet mit diesen Konzernen zusammen.
Sie fördert damit die ungesunde Ernährung – und gefährdet unser Wohlergehen, unseren Wohlstand, unsere Zukunft. Schließlich spielt die körperliche Fitness im globalen Wettbewerb eine wachsende Rolle (siehe hier).
Politik, die krank macht
Nicht nur Coca-Cola ist dabei. Auch Nestlé, der größte Nahrungskonzern der Welt, der sogar selbst eingeräumt hat, dass er vor allem Ungesundes produziert. Und Pepsi, der andere Softdrink-Gigant. Der Snack-Riese Mondelez (Ritz-Crackers, Milka-Schokolade). Dazu Ferrero (Nutella, Milchschnitte). KraftHeinz (Ketchup und Mayo). Der Fruchtzwerge-Konzern Danone. Und Mars mit seinen Riegeln.
Im Jahre 1995 haben sie eine gemeinsame Organisation gegründet.
Ein privates Amt für Desinformation
Die amtlich anmutende Tarnbezeichnung: Europäischer Rat für Lebensmittelinformation (englisch: European Food Information Council, kurz Eufic).
Slogan: „Zuverlässige Informationen für gesunde Entscheidungen“.
Wieder kein Witz.
Seit 2022 gibt’s dafür sogar Geld von den europäischen Steuerzahlern. So hat es Ursula von der Leyens EU-Kommission bestimmt. Im Rahmen des EU-Programms „EU4Health“. Selbst die Schweizer zahlen mit. Etwa, wenn es um Übergewicht geht. Im Projekt BETTER4U.
Es gibt ungezählte dieser EU-Projekte mit knackigen Kürzeln. FoodSHIFT2030 etwa oder FOODTRAILS. FIT4FOOD2030 , FUSILLI, CITIES2030, FOSTER, TRUSTyFOOD, FoodCLIC und viele andere mehr.
EU-Chefaufklärer: Coca-Cola & Co.
Coca-Cola & Co. wurden sozusagen zu Chefaufklärern der Europäischen Union in Sachen gesunde Ernährung ernannt. Das offizielle EU-Projekt dafür heißt INFOODMATION. Ziel: Ernährungsbildung.
Etwa über umstrittene Süßstoffe und Geschmacksverstärker. Und die „ultra-verarbeitete Nahrung“ generell, von Babygläschen über Softdrinks bis zu Fertignahrung. Jene Produkte also, die in der medizinischen Forschung bei 32 verschiedenen Krankheiten im Verdacht sind (mehr dazu hier).
Um sie geht es sogar gleich auf der Startseite im Internet, mit Link auf die Seiten von DR. WATSON - nein, kleiner Scherz, natürlich geht’s zu „Eufic“, dem Under-Cover-Desinformationsverein der Konzerne des Ungesunden.
“Gemeinnützige” Tarnorganisation
Das Schöne: Ihre Tarnvereinigung mit dem amtlichen Namen gilt als „gemeinnützig“. Im Beirat dieses EU-Projekts wirkt auch ein Herr mit namens Sebastian Emig. Er ist ein mächtiger Lobbyist, Generaldirektor der Vereinigung von Herstellern ungesunder Knabbersachen (European Snacks Association, kurz ESA), und Chef einer Arbeitsgruppe zu „Ernährung und Gesundheit“ der Lobbyvereinigung FoodDrinkEurope. Mitglieder: wiederum Coca-Cola, der Verband der Zuckerhersteller, Mars, Nestlé und weitere der üblichen Verdächtigen.
Auch Leute aus der Wissenschaft sind bei INFOODMATION mit an Bord. Verena Hüttl-Mack zum Beispiel, Professorin an der Universität Hohenheim in Stuttgart, einer Kaderschmiede für käufliche Forschung (siehe hier).
Und bei CLEVERFOOD taucht etwa die LMU München auf mit Professor Berthold Koletzko, Europas Kinderernährungs-Koryphäe und ungekrönter König der korrupten Professoren in Deutschland.
Gesünder leben mit Big Food?
Beim EU-Programm „Gesunde Ernährung, gesundes Leben“ (Healthy Diet, Healthy Life, kurz HDHL) ist auch ein weiterer einflussreicher Industrie-Lobbyverein mit dabei, das „International Life Sciences Institute (Ilsi)“, die Tarnorganisation von Big Food zur Tatsachenverdrehung, mit vielen befreundeten Professoren.
Die Forschung spielt eine tragende Rolle bei dieser Aufführung, die eigentlich mehr einem Show-Kampf gegen die übelsten Krankheiten der Gegenwart gleicht.
Ich hatte ja lange geglaubt, wie so viele Laien, dass Wissenschaft dem Erkenntnisgewinn dient. Bis ich dann einmal nach Brüssel kam, zu einem Kongress zum Thema Übergewicht und Diabetes.
Ich sprach dabei mit einem berühmten Professor aus Australien, Paul Zimmet. Er hatte den Begriff der „Coca-Kolonisierung” der Welt geprägt, jener globalen Ausbreitungswelle westlicher Nahrung mit einem Tsunami an Begleiterkrankungen.
Die Zusammenhänge sind alle erforscht, zweifelsfrei nachgewiesen, sagte er mir im Interview: „Alle sprechen über die gleichen Sachen, seit 25 Jahren.“
Das war 2012.
Schock für Ärzte: Zuckerkrankheit reversibel!
Bei einem anderen Medizinerkongress, an dem ich in jener Zeit als Beobachter teilnahm, sprach ein Referent über einen Bericht in einem renommierten Fachjournal, demzufolge die Zuckerkrankheit Diabetes „vollständig reversibel“ sei, und zwar binnen einer Woche.
Die anwesenden Ärzte waren schwer geschockt. Glücklicherweise breitete die ganze Branche, unterstützt von den Medien, den Mantel des Schweigens über eine derart geschäftsschädigende Erkenntnis. Und das Business ging munter weiter.
Seither sind in der Europäischen Union zehn Millionen Zuckerkranke hinzugekommen. Ein Anstieg um 22 Prozent, und um 50 Prozent sogar bei den Dicken. 20 Millionen mehr. So viel wie die Einwohnerzahl Rumäniens.
Das Ergebnis jahrelangen Kampfes: Wir werden immer dicker und kränker.
Die Erfolgsquote also: Null? Oder sogar negativ? Kommt drauf an, wen man fragt. Manche können sich sogar freuen über diese Art von Politik. Daumen hoch also für die EU-Politik der Krankheitsförderung, aus Sicht der Profiteure.
Das Erfolgsrezept der Europäischen Union
Ich hatte mich damals gewundert, warum die Europäische Union so inbrünstig kämpft gegen die Zuckerkrankheit - und zugleich Mitglied ist in der International Sugar Organisation (ISO). Die ist sozusagen der politische Arm der Zuckerlobby, mit der ausdrücklichen Aufgabe, „die Nachfrage nach Zucker zu steigern“.
Irgendwann wurde mir klar, dass genau dies das Erfolgsrezept der Europäischen Union ist: Probleme nicht lösen, sondern nutzen – und dafür sorgen, dass sie uns möglichst lange erhalten bleiben.
Und so forschen und forschen sie weiter, halten Kongresse ab, gründen Projekt um Projekt, und die Europäische Union finanziert alles mit unserem Geld. Den (scheinbaren) Kampf gegen die Krankheiten. Aber auch die Nutznießer. Sogar die Verursacher. Und die Vernebelungsfachleute von Eufic, dem U-Boot der Krankmacherkonzerne. Ein ausgeklügeltes System mit Neigung zur Selbsterhaltung.
Die geheime Rolle der Forschung
Die Professoren spielen dabei eine zentrale Rolle: Sie simulieren die Suche nach Erkenntnissen, die es längst gibt - als Ersatz für Maßnahmen, die nicht ergriffen werden, weil die mächtigen Interessengruppen dagegen sind. Big Food, Big Pharma.
Sie sind äußerst lästig. Das wissen sie kaum irgendwo so gut wie in Brüssel. Die Lösung: Sie werden einfach eingebunden.
Tragischerweise auch beim existenziell wichtigsten Thema: Ernährung und Gesundheit. Und so sitzen ausgerechnet die Hauptakteure des ungesunden Ernährungssystems beim EU-Programm „Gesunde Ernährung, gesundes Leben“ (HDHL) im „Beirat der Interessengruppen“, dem „Stakeholder Advisory Board“.
„Stakeholder“ ist das neue Zauberwort. „Stakeholder“, das sind jene, deren Einsatz (engl.: stake) auf dem Spiel steht. Das Wort stammt aus der Welt der Casinos, der Wetten, von Poker und Black Jack – und wurde von der internationalen Politik als Leitbegriff übernommen.
Die Lobby darf jetzt mitregieren…
Die Lobby darf jetzt mitregieren. Die Europäische Union hat, vom Publikum unbemerkt, ein neues Herrschaftssystem entwickelt. Mit „Stakeholdern“ als Stütze.
… und wir dürfen zahlen
Das Schöne: So machen sie keinen Ärger mehr. Noch schöner: Sie brauchen auch keinen Geldkoffer mehr: Die Millionen fließen jetzt in die umgekehrte Richtung. Von uns Steuerzahlern zu den Konzernen. Bei Eufic zum Beispiel kommt das meiste Geld aus EU-Kassen.
So hat sich, hinter unserem Rücken, Europa sehr verändert.
Es ist kein Gemeinschaftsprojekt mehr für uns, deren Vorfahren gegeneinander gekämpft haben auf den Schlachtfeldern. Es ist ein Selbsterhaltungsprojekt der Herrschenden. Und mittlerweile ein neuartiges Risiko für die körperliche Unversehrtheit der Menschen auf diesem Kontinent. Weil die “Stakeholder”, also Coca-Cola & Co., die (Ernährungs-)Politik bestimmen – und nicht mehr das Volk, die Bürger, die in einer Demokratie ja der „Souverän“ sein sollten, also: Bestimmer.
Demokratie als Fremdwort
An diesem Gebäude steht es noch, das Wort. An der Machtzentrale (Foto: DR. WATSON). Die Herrin hier heißt Ursula von der Leyen, sie residiere im 13. Stock, heißt es, soll ein eigenes Apartment haben, in diesem modernen Monstrum, dem Berlaymont-Gebäude, das alle aus dem Fernsehen kennen, architektonisch elegant gestaltet, schon in den 1960er Jahren. 55 Meter hoch, und außen hängt das Wort „Democracy“. In einer Sprache also, die hier drin alltäglich ist, aber nirgendwo sonst in den 27 Mitgliedsländern.
Die Distanz ist gewachsen. Früher gab es daneben kleine Geschäfte, Bars, Restaurants. Ganz normale Bürgerhäuser, direkt neben dem Machtzentrum.
Auf in den Jubelpark!
Jetzt ist da nur noch ein leerer Platz, ein Ehrfurchtsraum, der sich weitet in eine große Rasenfläche mit dem passenden Namen “Jubelpark”, mit freier Sicht bis zu einem imposanten Triumphbogen, erbaut unter dem blutrünstigen belgischen Kolonialherrscher Leopold II (Foto: DR.WATSON).
Und das Viertel? Alles weg. Die Gebäude: plattgemacht. Die Menschen, die dort wohnten: vergrault oder vertrieben. Es gibt umfangreiche Forschung dazu. Und einen Fachbegriff: Brüsselisierung. Die Verdrängung der Bürger durch ihre Beherrscher.
Warum wissen wir davon nichts?
Wenn so etwas in Peking passierte, wenn dort nur ein einziges altes Mütterchen umziehen müsste, würden sie in Permanenz berichten, abends, empört, in den Haupt-Nachrichtensendungen.
Austern, Champagner - und kein böses Wort
Hier: nichts. Keine Kritik an den Herrschenden. Die postdemokratische Lobbykratie, der „Stakeholder-Kapitalismus“, wird sogar zum Zukunftsmodell hochgelobt, von begeisterten Journalisten.
Sie haben es ja auch wirklich schön hier, etwa im schicken Zavelviertel (”Le Sablon“). Lecker Austern schlürfen. Ein Bierchen hier, ein Gläschen Wein da. Die neuen Chocolatiers besuchen. Eine kleine Galerie. Die geschmackvollen Geschäfte.
Wer möchte sich da mit den Schattenseiten beschäftigen.
Kein böses Wort über die Hauptstadt des Europäischen Reiches!
Ihr eigenes Wohlleben ist ja eng an dieses Machtsystem gebunden. Sie werden gebraucht. Als Jubelelemente.
Der Kranke ist so wertvoll wie der Gesunde
Übrigens werden heute auch die Patienten benötigt. Ihre Leiden werden genutzt, als Schmiermittel und Treibstoff der neuen Herrschaftsordnung. Der immerwährende Kampf gegen ihre Krankheiten dient der Selbstlegitimierung des Systems.
Und so darf er auf gar keinen Fall enden. Womöglich mit Gesundung! Die schönste Krankheit nützt ja nichts, wenn sie weg ist.
Schließlich bringen diese Krankheiten Milliarden ein. Bis 2060 sollen es sogar doppelt so viel sein wie 2020. Sagt die EU-Desinformationsagentur Eufic.
Der Kranke hat heute eine ganz andere Rolle als früher. Das hatte mir ein ebenfalls sehr kluger Professor erklärt, Paul Unschuld, Medizinhistoriker an der Berliner Charité. Ebenso wertvoll wie der Gesunde sei heute der Kranke, sozusagen als Rohstoff für eine ganze Industrie - und mithin gewissermaßen eine erhaltenswerte Spezies, auch für die Herrschenden. “Der Druck auf die Politik, Gesundheit für alle zu gewährleisten, ist gesunken.“ Schrieb der kluge Professor.
Vergessene Weisheit der alteuropäischen Indigenen
Vielleicht ändert sich das wieder. Jetzt, wo die Kriegsbegeisterung wächst, in Brüssel und anderswo. Vielleicht legen sie bald wieder mehr Wert auf gesunde und kräftige Kämpfer und Untertanen.
Und vielleicht werden sie sich dann, in ihren eleganten Machtzentren, an die alteuropäische Indigenenweisheit erinnern, die da lautet:
„Erst wenn die letzte Cola getrunken ist, das letzte Bein amputiert, der letzte Diabetiker im Grab liegt, werdet ihr merken, dass der größte Herrscherpalast ohne Volk nur halb so schön ist.“ (Stickerei: KI/DR. WATSON).
Die Wahrheit über richtiges und falsches Essen gibt’s hier:
Hans-Ulrich Grimm: Die Suppe lügt. Der große Ernährungsbetrug – und wie wir uns schützen.








Mir fällt ein Witz aus meiner Kindheit ein: Die Amerikaner und Russen arbeiten daran, als erstes am Mond zu sein.
Die amerikanische Raumkapsel nähert sich dem Mond und funkt entsetzt zur Erde: Die Russen waren vor uns da, sie haben den Mond rot angemalt!
Reaktion aus Houston: Habt ihr weiße Farbe an Bord?
Crew: Ja. ???
Anweisung aus Houston: Schreibt Coca-Cola drauf!
Ein sehr verdichteter Artikel, toll aufbereitet. Vielen Dank dafür.
Gerade für "Otto-Normal" sehr übersichtlich und gut verständlich die Zusammenhänge herausgearbeitet. Stark!